Die Errettung des Bösen. Eine Ausstellung von Michael Müller

26. November 2022 bis 19. März 2023

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Der deutsch-britische Künstler Michael Müller (*1970) trat neben seinem künstlerischen Werk in den letzten Jahren auch verstärkt mit seiner kuratorischen Praxis in den Vordergrund. So präsentierte er 2019 bis 2022 in der vielbeachteten Ausstellungsreihe Deine Kunst die Sammlung der Städtischen Galerie Wolfsburg aus einem neuen Blickwinkel und stellte differenzierte Verweise zu zeitgenössischen Positionen her. Im Jahr seines 20. Jubiläums hat das Museum im Kulturspeicher den in Berlin lebenden Künstler eingeladen, mit der Würzburger Städtische Sammlung zu arbeiten.
Dabei steht insbesondere die Gründung der Sammlung in der Zeit des Nationalsozialismus im Fokus von Müllers Interesse. Was als eine Intervention in den Sammlungsräumen gedacht war, wuchs sich zu einem opulenten Projekt mit mehreren Ausstellungsteilen aus: Unter dem Obertitel Die Errettung des Bösen beschäftigt sich Müller in Teil I An- und abwesende Schatten und Teil II Vergleichen, >, = in differenzierter und teils provozierender Weise mit dem Wesen des Bösen, seiner Präsenz und Negation in Geschichte und Gesellschaft und zieht dafür neben eigenen Arbeiten sowohl historische als auch zeitgenössische Positionen heran – von dem Szenenbildner und Body Artist Albrecht Becker, der 1937 in Würzburg aufgrund seiner Homosexualität verhaftet wurde, bis hin zu dem Pop Art-Künstler Andy Warhol.

Teil I: An- und abwesende Schatten
Besonders in Teil I der Ausstellung bezieht Müller Positionen der Würzburger Städtischen Sammlung mit ein. An- und abwesende Schatten stellt Fragen nach der ‚Kontamination‘ von Kunstwerken: Damit kann sowohl eine ideologische Vereinnahmung, ein tendenziöser politisch-propagandistischer Ansatz oder die Zensur von vermeintlich wertloser, in der Terminologie des Nationalsozialismus ‚entarteter‘ Kunst gemeint sein. Gezeigt werden unter anderem Arbeiten von Künstler*innen, die entweder in der Ausstellung Entartete Kunst oder der Großen Deutschen Kunstausstellung zu sehen waren. Im Jahr 1937 wurden von den Nationalsozialist*innen beschlagnahmte Kunstwerke in der Ausstellung Entartete Kunst gezeigt, die das Ziel verfolgte, von der nationalsozialistischen Doktrin und den ästhetischen Vorstellungen abweichende Kunstwerke als ‚minderwertig‘ und ‚degeneriert‘ zu inszenieren. Parallel zu dieser Schau wurde in der Großen Deutschen Kunstausstellung dem deutschen Volk die faschistische Ästhetik vorgeführt. Ursprünglich getrennt, werden sie hier gemeinsam nebeneinander präsentiert und beleuchten auf diese Weise die generelle Frage nach dem Umgang mit ‚kontaminierter‘ Kunst in Museen und deren Sammlungen: Soll man diese Kunstwerke – wie sie sich etwa auch im Bestand des Museum im Kulturspeicher befinden – zeigen und öffentlich präsentieren? Darf man diese Arbeiten ausstellen? 

In Gegenüberstellungen von Plastiken der als ‚entartet‘ verunglimpften Emy Roeder, deren Nachlass sich in der Würzburger Städtischen Sammlung befindet, und der zeitgenössischen Bildhauerin Elsa Sahal mit Werken der NS-Kunst werden die Mechanismen des propagandistischen Missbrauchs von Kunst anhand unterschiedlicher Menschenbilder aufgezeigt. Als Inbegriff der ‚Entartung‘ galt Otto Freundlichs Skulptur Großer Kopf, die als Titelbild die Begleitpublikation zur Ausstellung Entartete Kunst berühmt und dann zerstört wurde. Müller rekonstruiert nun die Plastik in einer originalgroßen Bronzeversion. Als Teil von Müllers Werkreihe Heilungen wirft die Figur zugleich Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen von Erinnerung und Wiedergutmachung auf.

Emy Roeder, Nackter Knabe, ein Kind emporhebend, 1928, Kunststein, Museum im Kulturspeicher Würzburg, Nachlass Emy Roeder, Foto Andreas Bestle ©MiK

Elsa Sahal, Trukula Baubo, 2015, glasierte Keramik, Courtesy of the artist and SETAREH Berlin, Düsseldorf, Foto Hans-Georg Gaul ©VG Bild-Kunst, Bonn 2

Um einen ideologisch gefärbten Zugang zu erschweren, hat sich Müller für eine Präsentationsform entschieden, die den Charakter eines Archivs besitzt: In Archiven werden Objekte neutral und nach streng nachvollziehbaren Kriterien aufbewahrt und angeordnet – chronologisch, alphabetisch, thematisch oder schlicht nach Zugangsdatum. Durch diese Sortierung nach Kriterien, die von außen an die Archivalien herangetragen werden, wird eine ideologische Vereinnahmung erschwert; erst in einem zweiten Schritt, dem der Interpretation der Objekte, kann eine Funktionalisierung oder missbräuchliche Aneignung für einen verfolgten Zweck geschehen. Zugleich werden vom Kurator jedoch bereits Wertungen vorgenommen: Die ‚kontaminierten‘ Kunstwerke werden wie Schatten in der Ausstellung präsentiert, wie etwas, das hinter den Dingen zu sehen ist, aber auch Schatten auf anderes wirft und es so einfärbt. Die entsprechenden Exponate werden in der Ausstellungsarchitektur mit gedimmter Beleuchtung und ohne Spotlights gezeigt. Der entstehende Effekt führt einerseits dazu, dass sie weniger präsent wirken als die restlichen Kunstwerke und nur auf den zweiten Blick zu entdecken sind. Jedoch wird dadurch gleichzeitig auch ein intensiverer Blick der Besucher*innen provoziert, der zwingt, naher heranranzugehen und in die Dunkelheit einzutauchen. 

Teil II: Vergleichen, >, =
Im zweiten Ausstellungsteil mit dem Untertitel Vergleichen, >, = steht die Methode des Vergleichens im Zentrum, die seit dem 19. Jahrhundert die dominante Verfahrensweise der wissenschaftlichen Forschung ist. Insbesondere die Naturwissenschaften bedienen sich dieser Methode, aber auch die empirisch basierten Gesellschaftswissenschaften, wie etwa die Soziologie. Michael Müller stellt jedoch besonders die ethische Dimension des scheinbar objektiven, neutralen wissenschaftlichen Anspruches des Vergleichens in den Vordergrund, das, auf den Menschen als untersuchtes Objekt angewendet, zu einem politisch-gesellschaftlich wirksamen Instrument werden kann, wie historisch etwa die Phrenologie oder die Rassenkunde zeigen. Die Methode schafft nicht nur eine Möglichkeit der Kategorisierbarkeit und Taxonomie, sondern ermöglicht auch eine ideologische Verwendung als Propagandainstrument.

Die Errettung des Bösen. Kuratiert von Michael Müller Foto J.Kiefer ©MiK

Vergleichen, >, = zeigt Vergleichsverfahren in unterschiedlichster Weise auf, die einerseits kuratorisch vorgegeben sind, aber auch die Besucher*innen auffordern, selbst Vergleiche zu ziehen: Gegenübergestellt werden Originale und Reproduktionen, wie etwa bei den nebeneinander installierten Werken des Schlosses Neuschwansteins von Andy Warhol und Adolf Hitler, wobei letzteres nur als sekundäres Dokument als Reproduktion in einem Werkverzeichnis gezeigt wird, wodurch zugleich eine Fetischisierung als Kunstwerk verhindert wird. Auch die Maßstäbe, an denen Kunstwerke miteinander gemessen werden, werden kritisch betrachtet – sei es der Vergleich der künstlerischen Fertigkeit eines Malers wie Hermann Gradl mit der rudimentären Ausführung des Videospiels Death Race oder der Marktwert eines Kunstwerks unabhängig von historischer Bedeutung oder Qualität, wie es Müllers Salvator Mundi (2013/2017) nahelegt.
 
Die hier vorgestellten künstlerischen Positionen wurden kunsthistorisch bisher stets getrennt nebeneinanderstehend betrachtet, einerseits aufgrund unterschiedlicher Zeitpunkte ihres Wirkens, konträrer Künstler*innenbiografien und Kunstströmungen, inhaltlich unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen und Herangehensweisen, aber andererseits auch aufgrund der verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmedien, derer sie sich bedienen – von Malerei und Zeichnung über Skulptur und Installation bis hin zu Spielfilm, Video und Computerspiel. Erst jetzt werden sie in Vergleichen, >, = durch ein verbindendes Thema, dem des Bösen, miteinander in einen Dialog gebracht und so zu Vergleichsobjekten. Die Ausstellungsbesucher*innen müssen den vom Kurator neu gelegten roten Faden im Vergleich der Kunstwerke untereinander und miteinander weiterspinnen. 

Mit Werken von: Albrecht Becker, Ferdinand Brod, Edison Company, Hanns Heinz Ewers, Simon Fujiwara, Hermann Gradl, Willi Greiner, Hans Josephsohn, Paul Kinsler, Wilhelm Lehmbruck, Hedwig Maria Ley, Fabio Mauri, Michael Müller, Gerhard Richter, Emy Roeder, Elsa Sahal. Ferdinand Spiegel, Andy Warhol und Friedrich Watzka

Michael Müller,Portrait © Robert Schittko, courtesy Studio Michael Müller

Über Michael Müller
In seinem Werk setzt sich der deutsch-britische Künstler Michael Müller (*1970 in Ingelheim am Rhein) mit der Ästhetik und Bildwerdung komplexer Gedankenprozesse auseinander, die er beständig nach ihrer sinnlichen Erfahrbarkeit und ihrem materiellen Gehalt befragt. Ausgehend von historischen Narrativen, wissenschaftlichen Methoden, gesellschaftlichen Normen sowie sprachlichen und numerischen Systemen entwickelt er eine künstlerische Praxis, die diese Systeme und Strukturen durch Variation, Transformation, Manipulation und fiktionalisierende Modifikation immer wieder an ihre Grenzen führt. Die entstehenden Abweichungen und Irritationen sowie der sich daraus ergebende Zweifel am Bestehenden und das Misstrauen gegenüber unhinterfragten Wahrheiten schaffen eine völlig eigenständige künstlerische Formensprache, die sich neben großformatigen Gemälden und Zeichnungen auch in Skulpturen, Installationen, Performances sowie in Müllers kuratorischer Praxis manifestiert.
Michael Müller lebt und arbeitet in Berlin. Von 2015 bis 2018 lehrte er als Professor an der Universität der Künste zu Berlin (UdK).
 


 

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