Sperl Deichlandschaft mit Fischer 12753 Bestle

Museum im Kulturspeicher

Oskar-Laredo-Platz 1
97080 Würzburg
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Tel: 09 31 / 3 22 25 0

Städtische Sammlung mit Nachlass Emy Roeder

Provenienzforschung

Herkunft & Verdacht

Herkunft & Verdacht

Provenienzforschung am Museum im Kulturspeicher

 

Die Städtische Sammlung Würzburg, heute beheimatet im Museum im Kulturspeicher, wurde 1941 im Auftrag der NS-Stadtregierung gegründet. Dieser Zeitpunkt ist Grund genug für eine gezielte Suche nach NS-Raubkunst in den Beständen – schließlich kamen damals zahlreiche Kunstwerke aus jüdischen Sammlungen teilweise zu Schleuderpreisen auf den Markt.

Ein erstes, für drei Jahre vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördertes Projekt zur Provenienzforschung ist mittlerweile beendet. Durch eine (möglichst lückenlose) Rekonstruktion aller Besitzerwechsel sollten NS-verfolgungsbedingt entzogene Kunstwerke aufgespürt werden. Dieser – zugegebenermaßen sperrige – Begriff umfasst eben nicht nur die NS-Raubkunst, also beschlagnahmte Werke politisch oder rassisch verfolgter Personen, sondern gleichfalls den Zwangsverkauf von Kulturgütern aus jüdischem Eigentum.

Der Fokus der Recherche richtete sich zunächst auf alle Neuzugänge der Jahre 1941 bis 1945: Der langjährige Sammlungsleiter Heiner Dikreiter (1893-1966) erwarb in dieser Zeit 5.178 Werke. Diese kamen zum größten Teil durch Kauf oder Schenkung direkt vom Künstler oder dessen Erben in die Städtische Sammlung. In diesen Fällen ist die Herkunftsgeschichte der Objekte geklärt und kann als unbedenklich eingestuft werden.

Genauer unter die Lupe genommen wurden die ungeklärt verbliebenen Gemälde, speziell Erwerbungen aus dem Kunsthandel standen unter Generalverdacht. Grundsätzlich profitierte der Kunstmarkt in der NS-Zeit sowohl von der steigenden Nachfrage als auch dem (Zwangs-)Angebot; mancher Händler machte zudem gezielt mit den Nazigrößen Geschäfte oder war Sachverständiger für die Begutachtung jüdischen Vermögens.

Nach Ablauf der drei Projektjahre lautet die vorläufige Bilanz: Von 227 nachzuspürenden Gemälden wurden 62 vollständig abgeklärt. Davon konnten wiederum 59 Bilder als unbedenklich eingestuft werden, jedoch müssen drei als entzogen gelten. Für die 165 Gemälde mit weiterhin lückenhafter Provenienz liegen oftmals Teilergebnisse vor, die allerdings noch kein abschließendes Urteil zulassen. Sie wurden wie die belasteten Objekte in die Lost Art-Datenbank eingestellt, in der NS-Opfer und ihre Nachfahren nach entzogenen Kulturgütern suchen können.

Den Ausgangspunkt jeder Provenienzrecherche bildet das Inventarbuch. Für die Städtische Sammlung Würzburg wurde es erst in der Nachkriegszeit – vermutlich 1950 – von Dikreiters Mitarbeiterin Annemarie Pabst erstellt. Wo ihre Angaben herrühren, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Denn es gibt keine klassischen Erwerbungsunterlagen, also Angebotsschreiben und Rechnungen aus den Jahren 1941 bis 1945.

Nicht selten stößt man im Inventar auf den allseits bekannten Namen Gurlitt: Dabei handelte es sich um die Galerie Gurlitt in Berlin. Der Besitzer war Wolfgang Gurlitt und ist nicht zu verwechseln mit seinem Cousin Hildebrand Gurlitt und dessen Sohn Cornelius, den beiden Protagonisten des „Schwabinger Kunstfundes“. Zu Wolfgang Gurlitt, der – ausgebombt – kurzzeitig in Würzburg lebte, pflegte Direktor Dikreiter ein nahezu freundschaftliches Verhältnis. Da Gurlitt nachweislich mit verfolgungsbedingt entzogenen jüdischen Kulturgütern handelte, standen die 18 bei ihm bis 1945 erworbenen Gemälde besonders im Fokus der Untersuchung. Dazu gehört das bei unseren Besuchern beliebte Bildnis „Dame vor dem Spiegel (Frau von Muhr)“, gemalt 1834 von Ferdinand von Lütgendorff-Leinburg und am 4. Juli 1942 für die Städtische Sammlung in Berlin angekauft. Wer waren die Vorbesitzer? Sowohl die Kontextrecherche als auch die Objektautopsie, d.h. die Untersuchung der Rückansicht des Gemäldes, offenbarten eine Spur nach Österreich. Auf einem Aufkleber ist der Aufdruck „Wien“ gut lesbar, gleichzeitig verweist eine Handschrift auf „Gurlitt Berlin“ und ein Stempel auf das Jahr 1942. Vermutet wurde nun einen Zusammenhang mit der Wiener Versteigerungs-Anstalt Dorotheum, die unstrittig am Kulturgüterraub in Österreich beteiligt war und seit Herbst 1940 jüdisches Eigentum verwertete. Die Durchsicht der entsprechenden Kataloge zeitigte tatsächlich ein Ergebnis: Bei der Auktion am 24. Februar 1942 fand sich Frau von Muhr bzw. ihr Gemälde als Los 111. Im Austausch mit der Provenienzforscherin des heutigen Dorotheums konnte die oben links mit Kreide vermerkte Nummer 212630-72 eindeutig als damalige hausinterne Kennzeichnung identifiziert werden. Jedoch wurde aufgrund fehlender Unterlagen der Einlieferer bei der Auktion bisher nicht ermittelt. Damit verbleibt die Provenienz der schönen „Dame vor dem Spiegel“ ungeklärt und es muss leider heißen: Ein NS-verfolgungsbedingter Entzug kann nicht ausgeschlossen werden.

Bei dem gleichfalls bei Wolfgang Gurlitt erworbenen Gemälde „Die Hinrichtung der Grafen Egmont und Hoorn“ von Ferdinand von Rayski ist aus dem Verdacht Gewissheit geworden: Es wurde dem Kunstsammler und -händler Hugo Perls (1886-1977) unrechtmäßig entzogen. Das Museum im Kulturspeicher strebt jetzt eine gerechte und faire Lösung mit den – noch unbekannten – Erben an. Damit möchten wir unsere moralische Verantwortung anerkennen und der Selbstverpflichtung aufgrund der Washingtoner Konferenz (1998) und der „Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ (1999) nachkommen.

Wer die Recherche zum Gemälde von Ferdinand von Rayski vollständig erfahren möchte, der sei auf eine vertiefende Präsentation im Herbst aufmerksam gemacht: Die kommende Ausstellung „Herkunft & Verdacht“ mit begleitender Publikation wird verschiedene der untersuchten Werke und ihre Wege in die Sammlung exemplarisch vorstellen. Sie wird am 14. September 2018 eröffnet und bis zum 24. Februar 2019 in den Räumen der Städtischen Sammlung zu sehen sein. Über das geplante Begleitprogramm informieren wir Sie rechtzeitig auf unserer Homepage. Ein Kunstaperitif am 8. November 2018 wird an den 80. Jahrestag des „Novemberpogroms“ erinnern.

Ansonsten geht die Provenienzforschung in die nächste Runde: Ein zweites, direkt an das erste anschließendes Forschungsprojekt widmet sich seit Kurzem den Neuzugängen der Jahre 1945 bis 1975. Hierbei handelt es sich um 3.457 Werke, von denen gut zwei Drittel eine unbedenkliche Herkunft aufweisen. Über eine lückenhafte Provenienz verfügen dagegen 196 Gemälde sowie 25 Skulpturen – damit stehen sie im Fokus der Recherche.

 
Wenn Sie mehr über Provenienzforschung wissen wollen, empfehlen wir Ihnen folgende Websites:

http://www.kulturgutverluste.de/de/externer Link

DZK_Logo_farbe_RGB

http://www.lostart.deexterner Link

 

Ferdinand von Lütgendorff-Leinburg: Dame vor dem Spiegel (Frau von Muhr), 1834. Erworben am 4.7.1942 bei der Galerie Wolfgang Gurlitt, Berlin

 

Freiherr von Lütgendorff-Leinburg, F. Dame vor dem Spiegel 02909 verso Detail I

 

Lütgendorff-Leinburg, F. Dame vor dem Spiegel 02909 verso Detail III_Ausschnitt

 

 

Rayski, F. v. Die großen Kavaliere, Gesamtansicht der Bildrückseite

 

Rayski, F. v. Die großen Kavaliere, Detail der Bildrückseite

 

Rayski, F. v. Die großen Kavaliere, Detail der Bildrückseite II

 

Rayski, F. v. Die großen Kavaliere, Bildvorderseite

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